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Wer auf der richtigen Seite steht, darf offenbar manipulieren
Wenn man meint auf der richtigen Seite zu stehen, darf man offenbar auch manipulativ argumentieren: Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) hat sich vor kurzem wieder einmal mit der Flächenversiegelung beschäftigt. Warum das ein Thema für einen Verkehrsclub ist? Schwer zu sagen. In jedem Fall gibt es aber guten Stoff, um gegen den motorisierten Individualverkehr zu polemisieren. Denn wenn man meint auf der richtigen Seite zu stehen, darf man auch manipulativ argumentieren.
Geht es nach dem VCÖ wird in Österreich viel zu viel Bodenfläche dem Straßenverkehr geopfert. Laut Flächenmonitoring der Österreichischen Raumkonferenz werden zurzeit rund 1.420 Quadratkilometer durch Straßen und Parkplätze versiegelt. Das entspricht in etwa 1,6 Prozent der Landesfläche. Der VCÖ spricht von 1.726 Quadratkilometer, inkl. 126 Quadratkilometer für den Schienenverkehr.
Offenbar um die „Betonierer“ unter den Bundesländern zu identifizieren, hat der VCÖ die Straßenfläche je Einwohner berechnet. Demnach entfallen in Wien auf eine Person lediglich 28 Quadratmeter, in Vorarlberg 96, in Niederösterreich jedoch 323 Quadratmeter. Den höchsten Wert weist das Burgenland mit 426 Quadratmetern pro Einwohner auf. Tirol (149m²), Salzburg (154m²), Oberösterreich (204m²), die Steiermark (214m²) und Kärnten (269m²) liegen dazwischen. Österreichweit beträgt der Durchschnitt 188 Quadratmeter pro Person.
Über die Gründe für die Unterschiede wird allerdings kein Wort verloren. Aus gutem Grund, denn das würde die Einordnung des VCÖ in „Gut und Böse“ konterkarieren. Denn die Differenzen zwischen den einzelnen Ländern haben so gar nichts mit einem möglicherweise unbotmäßigen Flächenfraß zu tun, sondern sind im Wesentlichen auf die unterschiedliche Bevölkerungsdichte zurückzuführen.
Im Burgenland leben auf einem Quadratkilometer Dauersiedlungsraum (DSR) 121 Personen, in Wien 6.136 Menschen. Hinter der Bundeshauptstadt rangiert mit der zweithöchsten Bevölkerungsdichte Vorarlberg (707 EW/km²), vor Tirol (478 EW/km²) und Salzburg (369 EW/km²). Im Bundesschnitt leben 282 Personen auf einem Quadratkilometer DSR. Weniger sind es in Oberösterreich (225 EW/km²), der Steiermark (244 EW/km²), in Kärnten (231 EW/km²) und insbesondere in Niederösterreich (149 EW/km²). Und da Straßen Siedlungsräume verbinden und deshalb in dünner besiedelten Regionen mehr Straßen nötig sind, weist das Burgenland die höchste und Wien die niedrigste Verkehrsfläche je Einwohner aus. So einfach lässt sich die Sache erklären. Autobahnen oder Schnellstraßen spielen praktisch keine Rolle, zumal diese insgesamt lediglich sieben Prozent der österreichischen Straßenfläche beanspruchen. Der überwiegende Teil entfällt auf Landes- und Gemeindestraßen.
Wenn man schon die Rolle der Straßenfläche im Zusammenhang mit der Bodenversiegelung auf Landeebene einordnen will, wäre eine Verhältniszahl zum DSR aussagekräftiger. In Wien werden 17,6 Prozent des Dauersiedlungsraums von Straßen beansprucht, im österreichischen Mittel sind es 5,3 Prozent. Etwas mehr ist es in Tirol (7,1%) und Vorarlberg (6,8%), geringfügig weniger in Nieder- und Oberösterreich (4,8 bzw. 4,6). Am Ende ist aber auch der Erkenntnisgewinn aus diesen Angaben überschaubar.
Bezogen auf die Einwohner hat Norwegen das längste Straßennetz der Welt. Man ist in diesem dünn besiedelten Land über alle Parteigrenzen der Auffassung, dass selbst der abgelegenste Weiler das Recht hat an das öffentliche Straßennetz angeschlossen zu werden. Von solchen gibt es in Norwegen nicht wenige. Das Straßennetz als Gefahr für den Bodenschutz zu sehen, und so wie der VCÖ einen Baustopp zu fordern, darauf kommt in Norwegen niemand.